Der Zweite Weltkrieg war eine Zeit voller Leid und Elend, voller Tod und Verderben, voller Grausamkeit und Unmenschlichkeit.
In den Schulen werden diese furchtbaren Jahre ausführlich behandelt, oft mit Exkursionen zu Denkmälern, Museen und Konzentrationslagern. Aber kaum jemand weiß mehr, was mit vielen Minderheiten nach dem Krieg passiert ist: Menschen wurden vertrieben und enteignet oder flüchteten, mussten binnen Minuten ihre Häuser, Habseligkeiten und alles Vertraute zurücklassen, um in ein Land zu gehen, wo sie niemanden kannten, wo alles fremd war. Auch Teile der deutschen Minderheit ereilte dieses Schicksal. Mit Zügen wurden sie nach Deutschland verfrachtet. Eine sehr große deutsche Minderheit lebte in Ungarn, weshalb viele Familien im angrenzenden Burgenland mit den Geschehnissen in Berührung kamen. Mit meiner Arbeit möchte ich in erster Linie am Beispiel meiner Heimatgemeinde Zurndorf zeigen, wie die aus Ungarn vertriebenen oder geflohenen Deutschen in die Gemeinde integriert und eingegliedert wurden.
Die Vertreibung vom Heideboden/Westungarn
Ende März 1945 begannen Einwohner/innen der deutschen Ortschaften auf dem Gebiet um Wieselburg vor der sich nähernden Front zu flüchten. Am 1. April erreichten die Russen die ersten Dörfer. Mit ihnen kamen Angst und Übergriffe. Am 8. Mai endete offiziell der Krieg und am 27. August begann die Vertreibung in Kaltenstein. Darauf folgten Maria Gahling, Ungarisch-Kimling, Ragendorf, Straß- Sommerrein, St. Johann und St. Peter, alle mit Überstellung in das Sammellager Zanegg.
In ganz Ungarn wurden Deutsche vertrieben. Vor allem am Heideboden, dessen Gebiet grob dem des Komitats Wieselburg entspricht, wurde sehr gründlich gearbeitet, denn hier gab es in vielen Orten mehr Deutsche als Ungarn beziehungsweise Ungarinnen. Außerdem liegt dieses Gebiet an der österreichischen Grenze und hatte mit Österreich mehr gemein als mit Ungarn. In einem Artikel aus der Wieselburger Komitatszeitung vom 1. August 1945 wird das deutlich:
„25.000 Schwaben werden aus unserem Komitat ausgeliefert. Im Sinne der Potsdamer Beschlüsse kommen in Kürze auch die Schwaben in Ungarn zur Aussiedlung [...]. Und eine besondere Genugtuung empfindet das Magyarentum unseres Komitats [...]. Von den 28 Gemeinden des Komitats sind 14 fast rein schwäbischer Zunge. Die Zahl der aus diesen Gemeinden zur Aussiedlung anstehenden Deutschen beträgt annähernd 25.000. Daß [sic!] diese baldmöglichst ausgewiesen werden, ist eine allererste Voraussetzung dafür, daß [sic!] die westlichen Randgebiete rein magyarisch werden.“
Wer genau Ungarn verlassen musste, wurde in der Aussiedlungsverordnung aus dem Jahr 1945 festgelegt:
„Nach Deutschland umzusiedeln ist derjenige ungarische Staatsangehörige verpflichtet, der sich bei der letzten Volkszählung zur deutschen Volkszugehörigkeit oder Muttersprache bekannt hat, oder der seinen madjarisierten Namen wieder in einen deutsch klingenden ändern ließ, des weiteren derjenige, welcher Mitglied des Volksbundes oder irgendeiner deutschen bewaffneten Formation (SS) war.”
Kurz vor dem Verlassen der Ortschaften packten die Menschen schnell Koffer und Kisten. Neben Kleidung nahmen sie vor allem Lebensmittel mit, die lange haltbar waren. Wie viel man mitnehmen durfte, war verschieden. In Ragendorf beispielsweise durfte man 45 kg pro Person mitnehmen. Die zurückgelassenen Häuser wurden von den Nachbarn gänzlich geplündert. Hab und Gut, das die Familien in Ungarn zurückgelassen hatten, bekamen sie nie wieder. In den 1990er Jahren wurden jedoch einige Familien vom Land Ungarn entschädigt.
Die Flucht
Einige Bewohner/innen flüchteten schon vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie wollten noch vor dem Eintreffen der russischen Front das Land verlassen. Die meisten flüchteten in den Jahren 1945 und 1946. Herr Lorenz Heiling und seine Familie hatten diese Möglichkeit. Der damalige Bürgermeister wohnte in der gleichen Straße. Herr Heiling kann sich noch erinnern, wie dieser zu seiner Mutter sagte: „Ich sag dir nur eins, ich kann euch nicht halten. Wenn ihr fort wollts, schauts, dass verschwindets.“
So flüchteten sie, wie viele andere, bei Nacht und Nebel über die Grenze. Zuerst hatten sie noch einen Wagen, der ihnen jedoch an der Grenze, gemeinsam mit dem wenigen Hab und Gut, welches sie bei sich trugen, abgenommen wurde. Mit einem Freund schaffte er es bei einem anderen Versuch jedoch dann über die Grenze. Seine Familie kam nach. Ähnlich ging es Frau Grete Unger. Sie floh mit einem mit Ochsen bespannten Wagen. Andere hatten weniger Glück, sie kamen zuvor in ein Lager, so wie Herr Paul Fischer. Er flüchtete gemeinsam mit seinem großen Bruder aus dem Sammellager Zanegg.
Die Ankunft und Unterbringung
Nach dem Übertreten der Grenze stellte sich die Frage, wohin die Flüchtlinge gehen sollten. Einige beschlossen, sich in der kleinen Gemeinde Zurndorf im Bezirk Neusiedl am See anzusiedeln, etwa zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt und zu Nickelsdorf benachbart. Der Ort hat heute 2.148 Einwohner (Stand erster Jänner 2016), nur knapp 100 mehr wie 1951, und heißt auf Ungarisch Zurány. Einige wollten ganz bewusst nach Zurndorf, denn sie hatten hier Verwandte, bei denen sie Unterschlupf fanden. Herr Fischer sowie Herr Heiling hatten beide das Glück, von Tanten aufgenommen zu werden, obwohl diese selbst kaum Platz und Geld hatten. Andere wiederum verweilten aufgrund der Grenznähe in Zurndorf, in der Hoffnung, bald wieder in ihr Heimatland zurückkehren zu können. Einige blieben einfach, weil sie nicht mehr weitergehen wollten und Zurndorf ebenso gut war wie die nächstgelegenen Dörfer, andere weil in Nickelsdorf kein Quartier mehr frei war und in Zurndorf sehr wohl.
Die Zurndorfer/innen litten selbst unter den Folgen des Krieges und es gab wenig Geld, Essen und Platz. Viele Männer waren noch in Gefangenschaft oder tot. Trotzdem nahmen einige Familien Flüchtlinge bei sich auf. Vertriebene und Einheimische lebten oft eng beieinander. Herr Heiling erzählt, dass sie zu fünft in einem Zimmer geschlafen hätten. Nach und nach kamen dann die Männer aus der Kriegsgefangenschaft heim und dadurch war in einigen Häusern kein Platz mehr für die Ungarndeutschen. Jedoch waren nicht alle den neuen Bewohnern so freundlich gesinnt. Herr Heiling berichtet dazu:
„Gewisse haben gesagt, die kommen daher und nehmen uns [gemeint sind die Zurndorfer] die Arbeit weg. Bei sowas gibt es halt immer ein Für und ein Wider. Um den Hals gefallen sind sie uns nicht. Aber das hat sich dann eh irgendwie [gelegt]. Dann waren wir halt da und das war dann so. Aber meistens, muss man schon sagen, waren das die dummen Leute, die kein Verständnis dafür gehabt haben, dass wir nicht freiwillig gekommen sind.“
Generell, meint Frau Karoline Heiling, eine gebürtige Zurndorferin, war die Einstellung des ganzen Dorfes zu den Volksdeutschen eine sehr gute.
Die Konsequenzen
Die Volksdeutschen hätten eigentlich nach Deutschland ausgesiedelt werden müssen, doch da sie stattdessen geflohen sind, traten im Laufe der Zeit Konsequenzen auf. Herr Heiling fasste das zusammen:
„Für uns war es momentan schon ein Nachteil. In Deutschland hätten wir die ganzen Rechte gehabt. Dort hätte ich können einen Beruf lernen und hätte eine Arbeitsbewilligung bekommen. Dort wären wir halt praktisch integriert worden. In Zurndorf waren wir als Flüchtlinge. Da haben sie gesagt, die „Dahergrennten“ nehmen uns die Arbeit weg. Wir sind halt freiwillig als Flüchtlinge gekommen ohne Rechte. Die Arbeitsbewilligung war ein Problem.“
Da die Vertriebenen kaum Rechte hatten, mussten sie Benachteiligungen hinnehmen. Lehrstellen beziehungsweise Arbeitsplätze beispielsweise wurden bedingt an Flüchtlinge vergeben. Wollte jedoch ein Einheimischer die Stelle, verlor der Flüchtling sie sofort. Außerdem bekamen sie keine Lebensmittelmarken und so mussten sich die Familien anderweitig Nahrung beschaffen.
Die Staatsbürgerschaft
Ein entscheidender Nachteil war, dass die Ungarndeutschen nicht sofort die Staatsbürgerschaft erhielten. Herr Heiling erlangte diese erst 1954. Als Staatenlose/r hatte man einen eindeutig erkennbaren Ausweis. Bei Überschreitung der Demarkationslinie, erzählt Herr Fischer, war das ein Problem. Am 5. August 1954 wurde ein „Gesetzblatt für die Republik Österreich“ ausgegeben. Darin steht unter anderem im Absatz 142 des „Bundesgesetz vom 2. Juni 1954 betreffend den Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Volksdeutsche“ im Paragraph 2, dass alle, die durch den Krieg staatenlos geworden seien, die von 1. Jänner 1944 bis 31. Dezember 1949 in Österreich einen festen Wohnsitz hätten, die nicht vorbestraft seien und die die „öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit nicht gefährden“, die Staatsbürgerschaft beantragen konnten.
Die Arbeitsmöglichkeiten
Es war vorgesehen, dass die Neuankömmlinge, die bereits in Ungarn landwirtschaftlich tätig waren, auch in Österreich in der Landwirtschaft arbeiten sollten. Die, die wiederum in Ungarn bereits einen Beruf erlernt hatten, hatten es in Österreich leichter, da sie diesen Beruf ausüben beziehungsweise leichter einen neuen erlernen durften und konnten. Herr Heiling musste deswegen in der Landwirtschaft arbeiten.
Die Arbeit, die sie verrichteten, wurde sehr schlecht bezahlt. Herrn Fischers Bruder bekam für sechs Tage schwere Arbeit insgesamt 5 Schilling bezahlt. Außerdem meldete ihn sein Arbeitgeber ein Jahr lang nicht an. Dieses Jahr fehlte ihm dann in der Folge bei der Pension.
Grundsätzlich arbeiteten die meisten nicht für Geld, sondern für Essen und Quartier. Nach der Schule mussten auch meistens die Kinder Kühe hüten oder aufs Feld, so verdienten sie für die ganze Familie das Abendessen.
Die Schule
Für die Kinder war es einfach, in die Zurndorfer Schulen gehen zu können. Jedoch fehlte ihnen teilweise Schulzeit, da es ihnen in Ungarn nicht immer möglich gewesen war, zur Schule zu gehen. Herr Paul Fischer verlor dadurch insgesamt ein Jahr, da er eine niedrigere Klasse besuchen musste.
Die Gesellschaft
Die Vertriebenen waren im allgemeinen fleißige Arbeiter/innen und so konnten die Bauern und Bäuerinnen wenig Negatives über sie sagen, denn sie verrichteten oft Arbeit, die Einheimische nicht machen wollten. Manche fingen früher, manche später an, ein eigenes Haus zu bauen. Wie damals üblich, machten sie die Ziegel selbst und errichteten ihr Heim mit Schotter und Schlacke.
Da sich viele Zurndorfer das nicht leisten konnten, waren diese neidisch, und einige zeigten das ganz offen. Das heißt jedoch nicht, dass die Ungarndeutschen reich waren. Sowohl sie als auch die Zurndorfer waren sehr arm, und so erzählt Herr Paul Fischer, dass sich die Kinder in die frischen Kuhfladen gestellt hätten, um ihre Füße zu wärmen, da sie von Frühjahr bis Herbst keine Schuhe tragen durften, um diese für den Winter aufzusparen.
Aus Dankbarkeit für seine Dienste, erzählt Herr Fischer, hätten die Bauern ihm Hosen aus Teilen einer Soldatenhose geschneidert, die er auch wirklich trug.
Die Integration
Grundsätzlich war die Integration wegen der Ähnlichkeit des Lebensstils, der gleichen Sprache sowie des kaum unterschiedlichen Dialekts, aber auch durch die bereits im Dorf vorhandene Verwandtschaft kein großes Problem. Vor allem die Kinder wurden schnell in die Gesellschaft eingegliedert. Da Zurndorf eine kleine Gemeinde ist und war, bestand auch ständiger Kontakt der Menschen untereinander. In der Schule trafen die Kinder aufeinander und mussten sich miteinander beschäftigen, ob sie wollten oder nicht. Auch die Religion spielte eine wichtige Rolle. Sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder war die Kirche eine gute Möglichkeit, um sich in die Gemeinde einzubringen - vor allem für die, die die Möglichkeit hatten, in Zurndorf konfirmiert oder gefirmt zu werden oder die Erstkommunion zu erhalten. Auf diese Weise verbrachte man viel Zeit mit Gleichaltrigen und gemeinsam lernten sie sowohl dafür als auch für die Schule.
Außerdem kamen sie sich auch bei der Arbeit näher, beispielsweise beim Hüten der Gänse oder sie trafen sich auf der Gasse zum Spielen. Frau Heiling erzählt:
„Dann [als die Volksdeutschen gekommen sind] sind die Buben ein bisschen happig geworden. Wie wird sich der integrieren? Passt er dazu? Passt er nicht dazu? Einmal haben sie gerauft, das nächste Mal nicht mehr, weil da haben sie gewusst, der ist genauso stark, und dann war die Integration abgeschlossen. Wie es halt noch bei den Jugendlichen und bei den Kindern ist.“
Die Erwachsenen, so Frau Heiling, haben sich vor allem durch die Arbeit integriert:
„Die Mütter waren eh, wie‘s war damals, im Haus und haben die Kinder versorgt und die Herren sind halt entweder zu den Bauern in den Dienst gegangen oder sind nach Wien gefahren arbeiten. Die haben sich genauso integriert wie alle anderen. Also ich habe das Gefühl nicht gehabt, es hat immer schon ein paar gegeben, die Unfrieden gestiftet haben, aber die haben mit den eigenen Leuten auch so einen Verdruss gehabt. Das hat nichts damit zu tun gehabt, dass sie von Ungarn gekommen sind.“
Der Kontakt zur ehemaligen Heimat
Herr Fischer ist regelmäßig beim Treffen der Kaltensteiner Vertriebenen dabei. Jährlich versammeln sich die wenigen, die noch am Leben sind, in ihrer alten Heimat, um dort einen Kranz niederzulegen und über ihre Vergangenheit zu reden. Sein Vater war zu gekränkt, um noch einmal in sein ehemaliges Zuhause zurückzukehren, nur einmal war er noch, aufgrund eines Begräbnisses, in Kaltenstein. Herr Fischer selbst fährt auch nicht mehr oft hin. Er hat noch das Grab der Großeltern dort. Frau Grete Unger reist auch nur mehr deshalb hin. Auch ein paar Bekannte hat sie noch, aber die meisten sind schon tot. Früher ist sie kaum nach Ungarn gereist, da es zu teuer war. Nur Herr Heiling fuhr regelmäßig, denn er hat noch viele Freunde und Bekannte. In den letzten Jahren war es ihm jedoch auf Grund seines Gesundheitszustands nicht mehr oft möglich.
Quelle: Auszug aus der Vorwissenschaftlichen Arbeit von Carolin Gunz mit dem Titel „Die Immigration und Integration der vertriebenen Volksdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Zurndorf“, 2017